A R C H I V M A T E R I A L '88/'11
(Ende der K.T.)

/ JOHANNES JANUSZ DITTLOFF,- RETROSPECTIVE mit dem Katalog ISBN:978-39817196-1-1. Sparkassenstiftung SH/Verband und IHK zu Kiel,- Merkur Galerie und Park Inn Berlin 2015. /aus dem Archivmaterial '88/'11/.

Wahrnehmung

…Wahrnehmung schafft Realität, die persönliche Realität jedes einzelnen, jeder einzelnen von uns. Unser Handeln orientiert sich nicht daran, wie die Welt ist, sondern daran, wie wir sie wahrnehmen, sie sehen. …Die Hoffnung, dass wir die Welt objektiv wahrnehmen könnten, hat der griechische Philosoph Sokrates schon vor mehr als 2400 Jahren zunichte gemacht, als er feststellte, dass die Wahrheit dem menschlichen Erkenntnisvermögen prinzipiell unzugänglich sei. Wissenschaftler sagen, unsere Welt sei eine einzige grandiose Illusion, konstruiert aus einer Vielzahl einzelner subjektiver Wahrnehmungen. Bewusst unsere Aufmerksamkeit lenken auf etwas, was uns bisher vielleicht verborgen geblieben ist, das will Johannes J. Dittloff .
…Er nimmt damit Einfluss auf unsere Realität und verändert dadurch – vielleicht – auch unser Handeln, auf welche Art auch immer. Meine persönliche Entdeckungsreise hat schon begonnen und ich spüre die Wirkung von Mal zu Mal intensiver.

Annette L. Grass / Staatskanzlei - Kultur S-H / 2004

Zu den Fotoarbeiten von Johannes J. Dittloff

…Wilfried Wiegand schreibt am 6. August 2004 in der Frankfurter Allge­meinen Zeitung in seinem Nachruf auf den verstorbenen großen Foto­grafen Henri Cartier-Bresson: »Cartier-Bresson verkörpert alles, was Fotografie mit Malerei verbindet, und fast alles, was sie unterscheidet. Seine Fotos sind so komponiert, so elegant und schön, wie kein Maler es besser könnte, zugleich aber frappieren sie uns durch die bedrohliche Nähe des Gegenstandes, die trancehafte Geschwindigkeit des Erfassens, das frappierend zufällige Zustandekommen der Schönheit…«.
…Ohne die digital bearbeiteten Fotografien von Johannes J. Dittloff, die erstmals in einer großen Übersichtsausstellung in der Schleswig-Hol steinischen Landesbibliothek (2004) gezeigt werden, im einzelnen einem direk­ten Vergleich mit den fotografischen Werken Cartier-Bressons ausset­zen zu wollen, können die von Wiegand hervorgehobenen spezifischen künstlerischen Eigenarten, die für ihn das Werk von Cartier-Bresson aus­machen, im wesentlichen auch als kennzeichnend für Dittloffs Arbeiten geltend gemacht werden.
…Dittloff Zufallsentdeckungen und unscheinbare Nebensächlichkei­ten wie objets trouvés in seinen fotografischen Darstellungen fest, aber auch genuine Besonderheiten, die auf eine intime Kenntnis der im Ver­borgenen entdeckten Lebens- und Kulturräume schließen lassen. Die Komposition des gesamten Bildes, d.h. die Einbindung des Motivs in die Bildfläche, die Akzentuierung von bildbestimmenden Linien sowie die Verteilung von Licht und Schatten verleihen der einzelnen Arbeit ihren besonderen ästhetischen Reiz.
…Trotz der Wiedererkennung von vertrauten Landschaftsmotiven, Archi­tekturen, Platzsituationen etc. sind es dann doch die Nahsicht auf den Gegenstand, der enge Bildausschnitt, verzerrte Einzelformen oder aber die zurückgenommene, der Seherfahrung des Betrachters nicht entspre­chende monochrome Farbigkeit, die die Darstellungen verfremden. Hier verfährt Dittloff ganz im Sinne des französischen Malers André Masson, nach dessen Ansicht der Künstler zunächst einmal die Wirklichkeit sprengen muß, um dem Unbekannten zu begegnen.
…Rasterstrukturen moderner Architektur lassen an konstruktivistische Kompositionen denken, die körperliche Schwere der Gegenstände wird in ihrer Spiegelung aufgehoben. Auch die Beobachtung von künstlichem Licht oder natürlicher Helligkeit in ihrem kontrastreichen Spiel zu dunk­len Schattenzonen führen zur Aufhebung alltäglicher Wahrnehmungserfahrung. Gestürzte Baukörper, sichtbar gemachte Lichtbewegung am Himmel, Schattenspiele auf Treppen oder Straßenpflasterung ergeben neue, die Komposition bestimmende Linien und Formen. Gewonnen aus dem allgemein gültigen Erfahrungsbereich entwickeln sie nun eine neue eigengesetzliche Wirklichkeit im Bilde.

Dr. Renate Paczkowski / Direktorin - Landesbibliothek S-H, 2004